Unterwegs – In Viadi (rätoromanisch/deutsch)

Luisa Famos | Limmat Verlag

Der Lyrikband der Schweizerin Luisa Famos – ich möchte sie nachfolgend manchmal einfach „Luisa“ nennen – berührt mich im Kern meiner Seele und ich könnte kein anderes Buch aus meinem Regal nennen, das in seiner Gesamtheit so reich an Themen ist, die mich selbst innerlich beschäftigen. Insofern ist dieser Blogbeitrag eine sehr persönliche Geschichte. All jene, die mich gut kennen, werden manche dieser Berührungspunkte ausmachen können. Ihnen und allen anderen Leserinnen und Lesern möchte ich dieses kleine, ockerfarbene Buch jedenfalls wärmstens ans Herz legen.

weiter lesen

Das kleine Licht

Antonio Moresco | Septime Verlag

Nach Sonnenuntergang, im langsam schwindenden Schein der Tage, sitzt ein Mann immer wieder vor seinem alten Steinhaus in den Bergen. Auf einem Eisenstuhl, dessen Beine nach und nach im Erdreich versinken. Der Ort ist von Menschen verlassen, letzte Spuren ihrer Anwesenheit prägen die Szenerie. Umgeben von Geräuschen der Waldtiere, die sich in der üppig wuchernden Vegetation die Nacht erobern, unternimmt er einsame Streifzüge und sinniert über das, was sich ihm zeigt.

Eine Sache beschäftigt ihn besonders: Nach Einbruch der Dunkelheit erscheint auf der anderen Seite der Schlucht, an einem steilen, dicht bewaldeten Hang, immer zur selben Zeit ein kleines Licht. Er stellt sich Fragen: Woher kommt dieses Licht? Wer zündet es an? Er beginnt, dem Ursprung dieses Lichtscheins auf den Grund zu gehen und begegnet hinter dichtem Geäst in einem Haus einem kleinen Jungen. Eine vorsichtige Annäherung beginnt. Schließlich konfrontiert ihn das Kind mit einem bestürzenden Geheimnis. Moresco erschafft mit diesem Roman nicht weniger als eine Poetik des Universums: unaufhörliche Ausdehnung und in schwarzen Löchern sich selbst verschlingend.

weiter lesen

Die Seele des Flusses.
Auf dem Po durch ein unbekanntes Italien

Paolo Rumiz | FolioVerlag

Von großen Flüssen kennen wir meistens nur die Ränder. Wir sitzen an ihren Ufern, lassen unsere Gedanken stromabwärts ziehen und schauen auf die kleinen Strudel und Kreisel, die das schnell fließende Wasser in der Strömung bildet. Besonders die großen Ströme, die Richtung Meer fließen, sind wie Adern einer unbestimmten Sehnsucht nach Ferne.

Einer, der die Flüsse dieser Erde liebt und sie befährt, ist der italienische Reiseschriftsteller Paolo Rumiz, geboren 1947 in Triest. In Die Seele des Flusses. Auf dem Po durch ein unbekanntes Italien nimmt er uns mit auf seine Flussfahrt auf dem Po, die ihn 2012 mit fünf Reisegefährten auf Kanus, Motorkuttern und einem Segelboot von Staffarda im Piemont bis ins weitläufige Delta führte – und darüber hinaus bis zur Insel Susak in der Kvarner Bucht südlich von Istrien.

weiter lesen

Nicht bei Trost

Franz Dodel | Edition Korrespondenzen

das Tun ist älter
als das Hören und reicher
weil es Gewalt ist
und die Dinge aufwiegelt
Freude zu zeigen
ff.

Der Schweizer Franz Dodel begann im Jahr 2002, unter dem Titel Nicht bei Trost an einem fortlaufenden, lyrischen Text zu schreiben. Mit offenem Ende, ohne Ziel und Zweck. Einzig seinen Assoziationen und dem strengen Versmaß 5 – 7 – 5 – 7 Silben folgend, hat er bis heute (November 2020) in einer Art literarischer Dauerperformance weit über 40 000 Zeilen verfasst. Dabei entstand in den letzten achtzehn Jahren ein unglaublich vielschichtiger und poetischer Text, der sich in endlosen Serpentinen durch die Zeit schlängelt. Wer glaubt, sich ihm in gewohnter Lesemanier nähern zu können, wird schnell eines Besseren belehrt.

weiter lesen

Weiß

Han Kang | Aufbau Verlag

Um die Stimmung in dieser Geschichte zu beschreiben, habe ich lange nach einem passenden Vergleich gesucht. Eine Stimmgabel kam mir in den Sinn, vielleicht ein Gong oder eine angeschlagene Klaviertaste – aber all diese Töne erschienen mir nicht ganz passend, zu wohlklingend, zu wenig anhaltend. Es müsste ein unangenehmer Ton sein, der lange nachklingt und wie bei einer Klangschale über das Gehör in die Tiefen des Körpers eindringt.

Han Kang selbst kam mir zu Hilfe. Am Anfang des Buches schrieb sie über ihr Vorhaben, ihre Geschichte anhand von weißen Gegenständen zu erzählen: „Sie würden in mir gedreht und gewendet werden und schließlich in Form von Sätzen herausvibrieren wie fremde, klagende oder schrille Töne, die der Geigenbogen einer Metallsaite entlockt.“

weiter lesen

Tage mit Felice

Fabio Andina | Rotpunktverlag

Ich mag schlichte Erzählungen und bewundere die Kunst sprachlicher Reduktion. Gegen Ende dieses Lockdown-Frühlings wurde ich auf Tage mit Felice aufmerksam und meine Vorlieben wurden beim Lesen mehr als belohnt! Wenn der Begriff „Das Buch der Stunde“ nicht schon so abgegriffen wäre, würde ich ihn für dieses Werk verwenden!

„Bòn, auf.“ Mit diesen Worten bricht Felice immer wieder spontan auf. Meistens spricht er sie aus, wenn er sich aufmacht zu seinem frühmorgendlichen Bad in der eiskalten Gumpe bei Leontica, einem Bergdorf im Tessiner Bleniotal. Barfuß, in kurzen Hosen, die in Zeitungspapier gewickelte Seife eingesteckt. Auch bei eisiger Kälte und Regen. Und das mit neunzig Jahren. Der Alte lässt sich über mehrere Tage vom Erzähler begleiten, nimmt ihn mit hinauf zu „seiner“ Gumpe, teilt sein Essen mit ihm und lässt ihn an seiner Sicht auf die Welt teilhaben. Was er dabei an ihn weitergibt, ist die Magie des Einfachen und die Kraft eines Lebens, das Raum lässt für Stille und menschliche Begegnung.

weiter lesen