Die Seele des Flusses.
Auf dem Po durch ein unbekanntes Italien

Paolo Rumiz | FolioVerlag

Von großen Flüssen kennen wir meistens nur die Ränder. Wir sitzen an ihren Ufern, lassen unsere Gedanken stromabwärts ziehen und schauen auf die kleinen Strudel und Kreisel, die das schnell fließende Wasser in der Strömung bildet. Besonders die großen Ströme, die Richtung Meer fließen, sind wie Adern einer unbestimmten Sehnsucht nach Ferne.

Einer, der die Flüsse dieser Erde liebt und sie befährt, ist der italienische Reiseschriftsteller Paolo Rumiz, geboren 1947 in Triest. In Die Seele des Flusses. Auf dem Po durch ein unbekanntes Italien nimmt er uns mit auf seine Flussfahrt auf dem Po, die ihn 2012 mit fünf Reisegefährten auf Kanus, Motorkuttern und einem Segelboot von Staffarda im Piemont bis ins weitläufige Delta führte – und darüber hinaus bis zur Insel Susak in der Kvarner Bucht südlich von Istrien.

In Italien hat man kein inniges Verhältnis zu diesem großen Fluss. Viele Anwohner des Po kennen bestenfalls den kleinen Flussabschnitt, auf dem sie fischen oder auf dem ihr Hausboot vor Anker liegt. Paolo Rumiz hat eine Theorie über das distanzierte Verhältnis seiner Landsleute zum Po: „Es gibt nichts Freieres als einen Fluss. Vielleicht gehen ihm die Italiener, die den Mächtigen jahrhundertelang die Hand geküsst haben und vor ihnen Kniefälle gemacht haben, deshalb aus dem Weg, und vielleicht ignoriert ihn deshalb die Politik. Heerscharen von Müttern halten ihre Kinder vom fließenden Wasser fern. In Motta Baluffi, einen Steinwurf vom Damm entfernt, habe ich Menschen kennengelernt, die den Po nur von Autobahnbrücken aus gesehen hatten. In San Mauro Torinese lebt ein Großvater mit seinem Enkel, der sich darüber wunderte, dass ich das Ufer hinter einem Wald von Leitplanken suchte; er selbst wollte nie zu dem Fluss gehen, an dem er zur Welt gekommen war.“

Paolo, Valentina, Alex, Pierluigi, Flavio und Angelo – sechs sehr unterschiedliche Charaktere – machen sich gemeinsam auf den Weg, um die Geheimnisse von Po und seiner vielen Zuflüsse zu erkunden. In Anbetracht von Heerscharen von Stechmücken, zerstörten Brücken, Staumauern und Piraten ist das alles andere als ein leichtes Unterfangen! Die Reise beginnt mit drei Kanus bei der Brücke von Staffarda, einem ehemaligen Zisterzienserkloster am Fuße des Monte Viso.

Wer Bücher von Paolo Rumiz liest, ist mit einem sehr leidenschaftlichen Reisenden unterwegs. Er war Reporter für La Republica und schrieb über den Jugoslawien-Krieg. Ab 2001 war er Korrespondent in Islamabad und Kabul und erlebte den Afghanistan Krieg hautnah mit. Er ist also durchaus hart im Nehmen, weltgewandt, umfassend gebildet und ein Abenteurer durch und durch. Und er ist Italiener, der uns sowohl seine Begeisterung für sämtliche sinnlichen Eindrücke seiner Reisen als auch die Schattenseiten seiner Reiseziele in atmosphärisch dichter, manchmal fast dramatischer Sprache vermittelt.

„Ich dachte an die Flüsse, die ich kannte, und stellte fest, dass ich noch nichts Vergleichbares gesehen hatte. Ich erinnerte mich an den nebeligen Rhein in den herbstlichen Feldern des Elsass, mit den Weingärten der Vogesen rundherum und den sinnlosen Bunkern der Maginotlinie. Ich dachte an die Donau im Winter, an den Zug, der sie überquert und langsam auf die Bögen der Eisenbahnbrücke geschlagen hatte, ich hörte das Krachen des Treibeises in den Karpaten, an den Gesang eines einsamen Fährmannes kurz vor dem Eisernen Tor, den Ruf der Zugvögel im Labyrinth des Deltas. Ich sah die Felshänge an der Dordogne im Abendlicht, die Mäander des okzitanischen Flusses voller Musik und Düfte, wie man ihn vom Schloss Monfort aus sah. Und den violetten Abend am Dnister, der im Wind silbern wurde, Schwäne, die über das Weizenmeer segelten, die Festungen am östlichen Limes, die ockerfarbenen Felsböschungen, die Tränken, um die Kosaken und ottomanische Armeen gekämpft hatten, verrückte Pferde und Kameltreiber. Ich hatte bereits eine Menge Flüsse gesehen, doch keiner ähnelte diesem einsilbigen Gott, der in einem perfekten Gebirgsrund seinen Weg suchte.“

Die Befahrung des Po ist für Paolo Rumiz eine sehr persönliche Reise. Nicht nur einmal stößt er dabei an körperliche Grenzen und offenbar hadert er auch dann und wann mit dunklen Gedanken an den Tod, der ihm immer wieder in Gestalt einer schwarz gekleideten Frau begegnet.

Die kleine Reisegruppe wächst im Laufe der Reise immer mehr zusammen, was nicht bedeutet, dass ihre Interaktionen immer spannungsfrei ablaufen. Die sechs Abenteurer werden immer wieder mit Umweltzerstörung und ihren Folgen konfrontiert. Auf die Schönheit und ökologische Vielfalt mancher Flussabschnitte folgen tote Gewässer in den Industriemetropolen (allen voran Turin), Fischsterben aufgrund von Staumauern oder Giftmüll, Atommülldeponien, Schweinezuchten, nicht beseitigte Reste zerstörter Brücken. Auch die zahlreichen Zuflüsse des Po leiden vor allem unter Regulierung und Staumauern, teilweise kommen die rauschenden Gebirgsbäche nur noch als klägliche Rinnsale im Po an.

Doch trotz Artensterben, Verunreinigung und korruptem Missmanagement der Behörden ist der Po eine starke, sich immer wieder regenerierende Wasserader, die sich dann und wann durch kräftige Überschwemmungen ihre Freiheit zurückholt. Paolo Rumiz schildert den Fluss wie ein Lebewesen mit starkem Charakter, eine Schlange, die sich winden möchte und diese Bewegungsfreiheit einfordert.

Die Seele des Flusses machen auch Menschen aus, denen die Argonauten rund um Paolo Rumiz begegnen. Fischer, Schleusenwärter, Betreiber kleiner Gastwirtschaften. Nach einem Abend in der Trattoria Del Ponte, die bei Valenza direkt im Brückenpfeiler eingelassen ist, findet Paolo folgende, für ihn typische Worte:

„Wir lauschten schweigend und verzaubert. Als dann die Canneloni auf einem Bett aus Pesto und Ragu raschelten – in der Stunde, die die Herzen von Wehmut schwellen macht -, die Grillen zirpten und der Himmel sich violett färbte, überließen wir uns der Sehnsucht nach der Schönheit eines Italien, das es nicht mehr gab. Jupiter stand hoch über dem Fluss, sandte eine niedrige, fast hörbare Frequenz aus, und über uns hörte man die Drehung der Planeten. In geometrischer Hinsicht befanden wir uns im Zentrum der Welt.“

Italien aus einer komplett anderen Perspektive, aber viele Stimmungen und Erlebnisse sind gut nachzufühlen, nachzuriechen, nachzuschmecken. Paolo Rumiz klingt noch lange nach und wenn man ihn vor dem Einschlafen liest, hat man mitunter magisch-südliche Träume.

Musikempfehlung

Beppe Gambetta: Sunrise Melody

Links

www.folioverlag.com
Wissenswertes zum Po

6 Kommentare

  1. Ich bekomme tatsächlich Sehnsucht nach Süden, nach Zikadenzirpen und nach einem Rotwein am Abend zur Pasta. Träume von südlichen Gefilden: Die will ich auch haben! Danke für den Buchtipp, darauf lasse ich mich gerne ein. Liebe Grüße, Gabi

  2. Liebe Angela
    Ich spüre, dass du die Stimmung, die Atmosphäre des Buches und das darin beschriebenen Italien, sehr treffend rüber bringst.
    Wieder eine Buchempfehlung, die ich mir gerne vormerke….danke….!

    1. In Zeiten von Lockdown und Reisebeschränkungen ist das Unterwegssein mit Paolo Rumiz zumindest ein literarisches Trostpflaster. Und die zahlreichen Fotos im Buch sind auch sehr anregend!

      Viel Spaß bei der Lektüre,
      Angela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.