Nicht bei Trost

Franz Dodel | Edition Korrespondenzen

0001 das Tun ist älter
als das Hören und reicher
weil es Gewalt ist
und die Dinge aufwiegelt
Freude zu zeigen
ff.

Der Schweizer Franz Dodel begann im Jahr 2002, unter dem Titel Nicht bei Trost an einem fortlaufenden, lyrischen Text zu schreiben. Mit offenem Ende, ohne Ziel und Zweck. Einzig seinen Assoziationen und dem strengen Versmaß 5 – 7 – 5 – 7 Silben folgend, hat er bis heute (November 2020) in einer Art literarischer Dauerperformance weit über 40 000 Zeilen verfasst. Dabei entstand in den letzten achtzehn Jahren ein unglaublich vielschichtiger und poetischer Text, der sich in endlosen Serpentinen durch die Zeit schlängelt. Wer jedoch glaubt, sich ihm in gewohnter Lesemanier nähern zu können, wird schnell eines Besseren belehrt. Ein kurzer Erfahrungsbericht meiner Begegnungen damit:

Leise murmelnd gehe ich Schlangenlinien im Text. Wie eine, die in der Prozession inmitten der anderen mit gesenktem Kopf Rosenkranz betet. Immer wieder stolpere ich, wenn ich zu schnell werde. Eine Vorausschau ist nicht möglich, die Sätze zeigen sich in Echtzeit. Auch beim Rosenkranz tasten sich die Finger von einer Perle zur nächsten. Manchmal muss ich einige Schritte zurück, um einen Satz wirklich zu entdecken, eine verlorene Perle aufzuheben. Im Rausch der Langsamkeit gleite ich von einem Bild ins nächste. Ich will einzelne Bilder festhalten, ansehen. Stattdessen sehen sie mich an.

Einige Textserpentinen möchte ich wieder und wieder gehen. Sie sind immer neu, ich erkenne sie nicht wieder, wenn ich den Pfad nach nur einem Tag erneut gehe. Als ob ich die Stellen zum ersten Mal lesen würde, flüchtig wie Wüstensand. Meine Gedanken werden mit der Zeit immer weicher. Sie kommen zu sich, zu ihrer eigenen Form. Der Text wird zu mir, ich werde zum Text. Ich fühle mich wie ausgewechselt, wie gereinigt. Meine Zellen sind angereichert mit frischen Bildern. Ein unbestimmtes Gefühl überkommt mich, als ob ich plötzlich Wissen aus der Tiefe der Zeit in mir tragen würde. Dieser Text ist ein Geheimnis – durchlässig, sich entziehend und gleichzeitig von Gewicht.

Franz Dodel – Autor, Theologe und viele Jahre Fachreferent für Theologie und Religionswissenschaft an der Zentralbibliothek Bern – macht seinen Ewigkeitstext nicht nur für alle frei im Internet zugänglich. In einer Sammlung von jeweils 6000 Zeilen findet Nicht bei Trost Eingang in die Buchkunst der Edition Korrespondenzen von Reto Ziegler. Bisher sind sechs Bände mit folgenden Untertiteln erschienen:

A never ending Haiku; Haiku, endlos; Carmen infinitum; Mikrologien; Sequenzen; Capricci;

In biegsamem, schwarzem Leder und zwischen kräftigen, farbigen Innenseiten liegen hauchdünne, durchscheinende Papierseiten. Der Text fließt rechts in lockerem Zeilenabstand durch das Buch, begleitet von Zeilennummerierungen in Fünferschritten. Links finden sich mit mönchischer Sorgfalt erstellte Anmerkungen und Quellenangaben, die teilweise mit kleinen Illustrationen versehen sind (2004 von Rudolf Steiner, seit 2008 von Serafine Frey). Ich habe das Gefühl, ein nahezu heiliges Buch in Händen zu halten, das – abhängig von den gerade gelesenen Textstellen – manchmal nach Gras, Weihrauch, Schafgarbe, Wald oder Whiskey riecht und mich in einem Zustand unbestimmter Sehnsucht zurücklässt.

Der Autor veröffentlicht parallel zum Haupttext auf seiner Website fortlaufende Notizen, die Einblick in seine eigene Haltung diesem Projekt gegenüber geben. Sie sind auch Ausdruck der Prozesse, die der Text bei ihm selbst in Gang setzt. Unter Punkt 6. schreibt er beispielsweise: „Mit der Zeit scheinen sich die Rollen zu vertauschen: Da ist nicht mehr ein Autor, der sein literarisches Vorhaben in einen Text verwandelt, sondern da ist ein Text, der einen Autor als sein Instrument vereinnahmt.“ Punkt 12. ergänzt: „Es geht (auch) darum, den permanent fließenden Strom von Gedanken täglich kurz in eine Form zu zwingen (die sehr sperrig, ja fast ärgerlich ist) und zu beobachten, wie sich das Vorbeifließende dadurch in etwas Anderes, gar Neues verwandelt. Es scheint mir dies ein Geschehen zu sein, an dem ich nur vorübergehend und zufällig beteiligt bin.“

Die Welt geschieht, auch ohne unsere Gedanken. Das gibt uns die Freiheit, das Denken zwischendurch auch einmal sein zu lassen und die Kontrolle aufzugeben. Mir scheint es fast so, als ob Franz Dodels Zeilen mit diesem Loslassen zu tun haben. Er selbst versteht den Text „vor allem als Überführung von Bedeutung in Stille mit Hilfe von Wörtern…“ Diese Aussage erschließt sich, wenn man lesend erspürt, dass er eine Art Meditation ist, die unsere gedanklichen Saugnäpfe von den uns umgebenden Phänomenen löst. Der buddhistische Begriff sati passt hier vielleicht gut: ein Gewahrsein des gegenwärtigen Moments von einem außerhalb davon liegenden Beobachtungspunkt aus (Eviatar Shulman).

Vor allem das weiter oben geschilderte Stolpern bei manchen Zeilenumbrüchen führt dazu, vertraute Lesehaltungen und den Drang nach Sinnsuche immer wieder loszulassen. Die eigenen Gedanken werden durch Hindernisse aus der Bahn geworfen. Der unbewusste Plan, den Text beim Lesen zähmen zu wollen, wird gnadenlos entlarvt. Dem mittelalterlichen Theologen und Philosophen Meister Eckart wird das so genannte „Senfkornlied“ zugeschrieben, in dem es heißt: „Geh ohne Weg den schmalen Pfad, dann findest du der Wüste Fußspur.“ Dieser Satz begleitet mich schon seit vielen Jahren wie ein Mantra und er beschreibt für mich jene Geisteshaltung, mit der Franz Dodels Werk beim Lesen am fruchtbarsten wird: ohne Konzept, ohne Erwartungshaltung, ohne Deutungshoheit der Gedanken. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass diesem Literaturprojekt eine theologische Dissertation des Autors über die Spiritualität der Wüstenväter voranging (1995).

Das Gehen ist überhaupt eine schöne Metapher für das Lesen von Nicht bei Trost. Kurt Aebli, ein Schweizer Autorenkollege von Franz Dodel, der auch in der Edition Korrespondenzen verlegt wird, schreibt in seinem Gedichtband Tropfen (2014) über das Gehen, das in unserem gegenständlichen Fall auch das Lesen sein könnte:

Wenn ich lange genug
gegangen bin,
denke ich manchmal,
dass jetzt auch
ich
gehe.

Sprich: Wenn ich lange genug lesend die Serpentinen in Franz Dodels Endlostext gehe, erreiche ich den Zustand des absoluten Lesens und/oder werde selbst zum Text.

Zum Abschluss einige Fragmente (die jedenfalls zu kurz sind, denn der Text entfaltet seine Wirkung in der Länge… aber das würde diesen Blogbeitrag sprengen) aus dem zweiten Band Nicht bei Trost. Haiku endlos:

ich stelle mir vor
06630 wie es wäre das Denken
einzustellen um
ungehindert da zu sein
*****
es fällt den Dingen
schwer sich von uns zu trennen
06895 sie spielen mit uns
wie mit dem Schatten das Kind
*****
08390 mag sein dass die Welt entstand
indem Gott das All
und die Leerheit anschrie
das liegt vermutlich am
08395 kurzen Brief eines
argentinischen Tankwarts
der schrieb: Vergesst nicht
jenseits des Meeres bin ich
einer der euch liebt

Es ließen sich so viele andere Blickpunkte einnehmen zu Franz Dodels Literaturprojekt, tausende andere Fragmente daraus anführen. Letztendlich verweigert es sich jedem Annäherungsversuch und ist gerade dadurch so wunderschön und frei.

Mein Tipp: Lade www.franzdodel.ch auf die Startseite deines Handys und lies täglich das Fortschreiben von Nicht bei Trost mit!

Musikempfehlung

Manu Delago, The Silent Flight Of The Owl

Links

www.franzdodel.ch
www.korrespondenzen.at

6 Kommentare

  1. Liebe Angela! Ich bin total begeistert von deinem Blog und dass du mir damit neue, für mich sehr ansprechende, Leseideen näher bringst! Und auch manu delago genau nach meinem Geschmack!
    Wirklich ein großes Kompliment!
    Danke, dass ich somit in den Genuss komme, Literatur zu lesen, zu erfahren, zu genießen, die ich ohne dich nicht entdeckt hätte! Schön und dankbar dich zu kennen!

    1. Liebe Daniela,
      vielen Dank für deine lieben Worte und ich hoffe, dass du noch viele Entdeckungen auf meinem Blog machen wirst!
      Lieben Gruß,
      Angela

  2. Oh, Hang! Ich mag dieses Instrument soso gern. Hab ich schon geschrieben, dass ich auch Deine Musikempfehlungen zu den Texten immer so schön finde? Ein Gesamtkunstwerk, Text und Ton. Ob ich mich auf so einen experimentellen Text einlassen möchte, weiß ich gerade nicht. Es ist aber schön, davon zu lesen, wie Du diesen Text erspürst. Liebe Grüße, Gabi

    1. Ja, mich zieht es im Moment sehr zu speziellen Texten hin, die zwischen Prosa und Lyrik angesiedelt sind. Macht richtig Spaß, sie aufzuspüren!
      Freut mich, dass dir meine Tonspuren zu den Texten gefallen 🙂

      Liebe Grüße,
      Angela

  3. Liebe Angela,
    von Anfang an verfolge ich deinen Blog mit großer Freude und Interesse und möchte dir ganz herzlich dazu gratulieren!
    Beim Lesen deiner Einträge fühlt es sich an, als dürfte ich für eine Weile Gast in deinem Zuhause sein, weil ich dich in deinen Worten und Texten so sehr wiedererkenne. Deine Gabe, das Große im Kleinen zu entdecken und das Kleine im Großen, bringst du auf wunderbar poetische Weise zum Ausdruck.
    Ich freue mich auf viele weitere Textgeschenke deinerseits!
    Alles Liebe,
    Ingrid

    1. Liebe Ingrid,
      ich danke dir für deine lieben Worte und freue mich, wenn ich dich mit auf die Reise in meine Bücherwelt nehmen kann!
      Lieben Gruß,
      Angela

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