Tage mit Felice

Fabio Andina | Rotpunktverlag

Ich mag schlichte Erzählungen und bewundere die Kunst sprachlicher Reduktion. Gegen Ende dieses Lockdown-Frühlings wurde ich auf Tage mit Felice aufmerksam und meine Vorlieben wurden beim Lesen mehr als belohnt! Wenn der Begriff „Das Buch der Stunde“ nicht schon so abgegriffen wäre, würde ich ihn für dieses Werk verwenden!

„Bòn, auf.“ Mit diesen Worten bricht Felice immer wieder spontan auf. Meistens spricht er sie aus, wenn er sich aufmacht zu seinem frühmorgendlichen Bad in der eiskalten Gumpe bei Leontica, einem Bergdorf im Tessiner Bleniotal. Barfuß, in kurzen Hosen, die in Zeitungspapier gewickelte Seife eingesteckt. Auch bei eisiger Kälte und Regen. Und das mit neunzig Jahren. Der Alte lässt sich über mehrere Tage vom Erzähler begleiten, nimmt ihn mit hinauf zu „seiner“ Gumpe, teilt sein Essen mit ihm und lässt ihn an seiner Sicht auf die Welt teilhaben. Was er dabei an ihn weitergibt, ist die Magie des Einfachen und die Kraft eines Lebens, das Raum lässt für Stille und menschliche Begegnung.

Wenn Felice sich nach dem Bad in der Gumpe – einer Vertiefung im eiskalten Bergbach – nackt unter einem Baum trocknen lässt, ist er für Momente nicht von dieser Welt. Er hält inne, steht still, blickt zu den Gipfeln hinauf. Es scheint fast so, als ob er bei diesem Ritual täglich neu geboren wird.

Ich bin in den Bergen aufgewachsen und als Kind habe ich es geliebt, beim Wandern zur Abkühlung bis zu den Knien in eine Gumpe zu steigen. Wenn man im eisigen Bergwasser einen Schritt vor den nächsten setzt, die Füße auf den glitschigen Steinen Halt suchen, während man mit den Armen die Balance zu halten versucht und der Kälteschmerz fast nicht mehr auszuhalten ist, gibt es in diesem Moment nichts anderes auf der Welt.

Die schottische Schriftstellerin Nan Sheperd (1893 – 1981) hat diesen elementaren Augenblick in ihrem Buch Der lebende Berg (erschienen 2017 bei Matthes & Seitz Berlin) festgehalten: „…das ganze Selbst zieht sich zusammen, mobilisiert all seine Reserven, um dieses eisige Vergnügen auszuhalten.“ Über das Untertauchen schreibt sie: „…das Anhalten des Atems, wie eine zurückgehaltene Welle, das Glühen, das einen komplett von allem loslöst und bis in die Finger- und Zehenspitzen läuft, wie eine auf dem Sand auslaufende Welle. Das Eintauchen in das kalte Wasser eines Bergbeckens scheint für einen kurzen Moment das Selbst völlig aufzulösen; es ist kaum zu ertragen: Man ist verloren – im Innersten getroffen – ausgelöscht. Dann strömt das Leben zurück.“

Das Baden im Gebirgsbach ist ein zentrales Motiv in der Erzählung. Der Ort ist geheimnisvoll und über die genaue Stelle der Gumpe wird im Dorf nur gemunkelt. Das Ritual ist archaisch und sinnlich, der Weg dorthin mitunter beschwerlich. Wie ein Schamane überlässt sich Felice Tag für Tag dieser absoluten Erfahrung und geht ganz in ihr auf.

Der knorrige alte Mann liebt die Stille und spricht wenig. Er ist kein Eremit, auch wenn er sein Leben sehr spartanisch führt. Immer nimmt er Anteil an den Menschen und ist präsent – auch zwischen den Zeilen. Dieser glückliche Mensch existiert wie eine Flechte auf einem Stein: trocken, genügsam und fest mit dem Untergrund verwachsen.

Fabio Andina erzählt in diesem Buch von einem Leben der täglichen Verrichtungen, von vertrauten Wegen und kleinen Gesten, deren Kraft das Leben überdauern. Der Tausch von Lebensmitteln spinnt feine Fäden zwischen den Menschen im Dorf, die sich nach der Natur richten und sich nicht mit Selbstbespiegelung abgeben. Nahezu liebevoll blickt der Autor durch den Erzähler auf die kleine kauzige Gemeinschaft, in die Felice eingebunden ist. Jede und jeder hat darin einen Platz, mit allen Eigenheiten und Unzulänglichkeiten. Es wird nicht geurteilt – es ist, wie es ist.

Die Sprache ist reduziert, aber niemals hart. Immer wieder finden die Sinne Eingang in Schilderungen. Das Streicheln des groben, nassen Fells des Maultiers verbindet sich mit dem Trommeln des Regens auf dem Blechdach. Das Ave-Maria-Läuten der Glocken, das Gurgeln des Baches und das Gezwitscher der sich sammelnden Mehlschwalben bilden den Soundtrack. Kakis, die Felice im Garten pflückt, sind ein wiederkehrender Farbtupfer in diesem Setting aus grauen Steinhäusern, verblichenen Kittelschürzen, dämmrigen Morgenstunden und Kiefernwald.

Ungewöhnlich ist so manches sprachliche Bild! Eine Tür geht auf und eine Wolke von Mistgestank mit zwei Bauern kommt herein. Oder der Erzähler steigt mit Felice Stufen zu einem Haus hinauf und ihre Schatten bauen sich an der Hausfassade auf: „Reglos stehen sie da, zwei Meter entfernt. Als hätten sie uns schon wer weiß wie lange erwartet.“ Mit wenigen, fast zärtlichen Worten erschließt Andina den Charakter von Felices hochbetagter Schwester Vittorina, die „zierlich wie ein Zaunkönig“ ist und „lautlos wie ein Schatten davonhuscht, froh, wieder allein zu sein, mit ihrem langen Zopf frei im Wind.“

Ein Buch voller Wärme und Weisheit, das man am besten mit Musik nachklingen lässt!

Musikempfehlung

Ich empfehle dazu zwei Stücke, die für mich sehr gut zum Ende des Buchs passen:

Mountain Brass (Less) von Peter Holzapfel
(CD Alpine Documentary)

Ach, bleib mit Deiner Gnade von Till Brönner und Dieter Ilg
(CD Nightfall)

Links

www.fabioandina.com
Auf der Website des Autors findet sich auch ein interessantes Interview mit ihm, das seine Intentionen beim Schreiben und andere Hintergründe zum Thema hat.

www.rotpunktverlag.ch

6 Kommentare

  1. 7 Tage begleitet der Ich-Erzähler Felice, von 5 Uhr früh bis zum Schlafengehen – zum Bad in der eiskalten Gumpe, auf seinen Wegen durch das Dorf und bei Fahrten ins Tal. Gemeinsam begegnen sie immer wieder den wenigen Bewohnern von Leontica. Als Leser fühlt man sich eingebunden und mitgenommen, lernt nach und nach die Nachbarn kennen.
    Ein wunderbar entschleunigendes Buch, das neugierig macht auf das einfache Dorf und seine Bewohner.

  2. Hallo Angela, ein wunderschönes Buch und eine treffende Beschreibung von dir. Auch die Musik passt wunderbar dazu. Danke für die Anregung und die schönen Lesestunden.

    Die Bekanntschaft mit einem einzigen guten Buch kann ein Leben ändern.(Marcel Prevost)

  3. Liebe Angela, herzlichen Glückwunsch zu Deiner ersten Rezension! Deine Beschreibung macht mich neugierig auf dieses Buch, vor allem auf die “Kunst der sprachlichen Reduktion” des Autors, die mag ich nämlich auch sehr gern in Texten. Beim Lesen Deines Textes und beim Hören Deiner Musikempfehlungen am Schluss (tolle Idee!) hat sich ein getragenes Gefühl in mir aufgebaut. Ich bin gespannt darauf, wie ich dieses Gefühl in dem Buch wiederfinde. Liebe Grüße, Gabi

    1. Liebe Gabi,
      vielen Dank für dein aufbauendes Feedback zum Blogstart.
      Es freut mich, dass ich deine Neugier wecken konnte!

      Alles Liebe,
      Angela

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