Unterwegs – In Viadi (rätoromanisch/deutsch)

Luisa Famos | Limmat Verlag

Der Lyrikband der Schweizerin Luisa Famos – ich möchte sie nachfolgend manchmal einfach „Luisa“ nennen – berührt mich im Kern meiner Seele und ich könnte kein anderes Buch aus meinem Regal nennen, das in seiner Gesamtheit so reich an Themen ist, die mich selbst innerlich beschäftigen. Insofern ist dieser Blogbeitrag eine sehr persönliche Geschichte. All jene, die mich gut kennen, werden manche dieser Berührungspunkte ausmachen können. Ihnen und allen anderen Leserinnen und Lesern möchte ich dieses kleine, ockerfarbene Buch jedenfalls wärmstens ans Herz legen.

Luisa Famos. Wer sie googelt, ist bereits in ihren Bann gezogen und läuft Gefahr, gleichzeitig auch für eine Weile für ihr Werk verloren zu sein. Möglicherweise verschlingt man es dann beim ersten Mal zu atemlos, möglicherweise kann man sich zu wenig von Luisas persönlicher Geschichte distanzieren. Ist mir passiert und ich kann es meinen Leserinnen und Lesern hier auch nicht wirklich ersparen. Es hilft, das Buch nach dem ersten Lesen einige Wochen bei Seite zu lassen und danach wie einen edlen Wein noch einmal neu zu entdecken.

Bei meiner ersten Recherche blendete Google Bilder einer nachdenklichen, seltsam schönen Dunkelhaarigen mit sinnlichem Kinngrübchen ein. Eine Aufnahme ihres Wohnhauses in Ramosch, Luisa mit Bergen im Hintergrund, in der Sonne an einer Holzwand sitzend, ein Bild mit Mann und zwei kleinen Kindern. Als mir auf Wikipedia ihre Lebensdaten ins Auge fielen, verbanden sich diese Informationen mit den Abbildungen zu einem schmerzlichen Herzklopfen, mit dem ich daran ging, die Verse im Inneren des Leinenbüchleins zu lesen.

REIGEN

Augenblicke
Entwischenden
Eidechsen gleich
Unser Leben
Lassen sie kosten
Bis auf den Grund

Einem Fluidum gleich
Dringen sie ein
Durch und durch

Augenblicke
Euer Abschied
Ist bitter

Das Wiedersehen
Randvoll
Lebendiger Luft.

Augenblicke, entwischenden Eidechsen gleich… Ich habe fast mein ganzes Leben für das Poetische geschwärmt, suche es immer wieder, finde es leider nicht oft. Das Wort Poesie oder das Adjektiv poetisch wird seit geraumer Zeit sehr inflationär eingesetzt. Kaum ein Buchklappentext kommt ohne es aus, auch wenn der Inhalt oft nicht weiter weg sein könnte vom Poetischen. Fernando Pessoa schrieb 1914 in einem Brief an einen jungen Dichter: „Aus unseren inneren Gärten dürfen wir nur die weitest entfernten Rosen pflücken und die besten Stunden mitnehmen und nur jene Augenblicke der Abenddämmerung festhalten, in denen uns das Fühlen allzu sehr schmerzt.“ Ich denke, das sollte für alle Schreibenden eine Messlatte sein und auch für all jene, die das Wort poetisch benutzen. Ansonsten läuft das Poetische Gefahr, seine Bedeutung endgültig zu verlieren.

Pessoa starb, als Luisa Famos gerade fünf Jahre alt war. Als ob er ihr seine Empfehlung mit auf den Weg gegeben hätte, webt sie ihre Poesie aus einem unglaublichen Feingespür für ihre eigenen Empfindungen, aus einer engen Verwurzelung zu ihrem Heimatort Ramosch im Schweizer Unterengadin und nicht zuletzt aus einer Liebe und Herzenswärme, die aus all ihren Texten spricht. Sie schrieb in einer sehr schlichten, modernen Ästhetik von alltäglichen Dingen – den Jahreszeiten, Tag und Nacht, Bäumen, Vögeln, den Festen im Jahreskreis, kleinsten Gefühlsregungen – und sah in ihnen doch so viel mehr. Die Erscheinungen der Natur und andere Gegebenheiten unseres Daseins führen bei Luisa Famos ihr eigenes Leben: der Wind flüstert, Wolken durchfurchen den Himmel, die Sonne verbreitet ihr Licht, Häuser warten auf Heimkehrende, der Tag umfängt die Nacht.

Über eine Liebesnacht schrieb sie:

Alle Sterne
Des Firmaments
Sind wie Herbstblätter
In meine Arme
Gefallen

Wind vom hellen Tag
Wohin hast du sie
Verweht?

Allzu gut kennen wir das Gefühl, den Rausch einer Liebesnacht am nächsten Tag festhalten zu wollen, oder das Gefühl eines aufwühlenden Traums, das uns am Morgen noch zum Frühstück begleitet, ehe es sich nicht mehr länger halten lässt. Man kann über diesen Zustand wohl kaum größer und intensiver schreiben, als es diese in unseren Breiten wenig bekannte Schweizerin getan hat.

Im Buch gibt es ein Nachwort über das Leben und Schreiben der rätoromanischen Dichterin. Luisas Lebensbogen lässt sich demnach – rein oberflächlich gesehen – in wenigen Zehnerschritten zusammenfassen: 1930 geboren und aufgewachsen in Ramosch, Ausbildung zur Primarlehrerin in Chur. Von 1950 bis 1960 unterrichtet sie als Lehrerin an drei Schulen, während eines Aufenthaltes in Paris beginnt sie zu schreiben. 1963 heiratet sie. Nach der Geburt eines Sohnes und einer Tochter zieht die Familie 1969 nach Honduras, 1971 nach Venezuela. Bei ihrer Rückkehr 1972 wird bei Luisa Famos Krebs diagnostiziert, dem sie im Juni 1974 im Alter von nur 44 Jahren erliegt. Wenige knappe Fakten zum Schicksal dieser Frau und ihrer Familie. Doch stellt man den Lauf der Dinge in Luisas Leben ihren Versen gegenüber, entfaltet sich als Subtext eine berührende Demut gegenüber dem menschlichen Dasein und der Allverbundenheit aller Phänomene.

Luisa hat ihr Leben in großer Fülle wahrgenommen – ihre Kunst spricht davon – und in der relativ kurzen Schaffensperiode, die ihr zur Verfügung stand, ein zeitloses Werk geschaffen. Sie hat einige Themen aufgegriffen, denen ich mich sehr verbunden fühle. Sie schrieb zum Beispiel über Schwalben, die in ihren Gedichten eine unterschiedliche Symbolik verkörpern. Auch mich begleitet die Schwalbe als Sehnsuchtssymbol schon sehr lange. Für mich drückt dieser Vogel das Sehnen nach der Ferne aus, obwohl er gleichzeitig mit seinem Gezwitscher und seinem Nest unter dem Hausgiebel ein sehr heimeliges Gefühl verbreitet. Luisa Famos wird in einem ihrer Gedichte selbst zur Schwalbe und wurde auch die „Ramoscher Schwalbe“ genannt.

Sie dichtete über die Sterne und den Wind und in vier schlichten Strophen hat sie ein ganzes Leben in Jahreszeiten verpackt. Und sie schrieb über den „Sang des Pirols“, den auch ich erst kürzlich zum ersten Mal bei einer Wanderung in der Lobau vernommen habe.

Das letzte Gedicht in dem Band Unterwegs – In viadi beginnt mit den Worten

Beim Einnachten
Geht er am Saum des Himmels
An den Sternen vorüber
Der Engel mit den goldenen Flügeln …

Und ich denke: Ein Mensch, der in seinen letzten Tagen solche Worte findet, hat LYRISCH GELEBT.

Die herausfordernde  Übersetzung aus dem Rätoromanischen ins Deutsche hat Luzius Keller übernommen, von dem auch das Nachwort stammt.

Musikempfehlung

Martin Werner Klein: Träum (2010)

Links

www.limmatverlag.ch

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