Weiß

Han Kang | Aufbau Verlag

Um die Stimmung in dieser Geschichte zu beschreiben, habe ich lange nach einem passenden Vergleich gesucht. Eine Stimmgabel kam mir in den Sinn, vielleicht ein Gong oder eine angeschlagene Klaviertaste – aber all diese Töne erschienen mir nicht ganz passend, zu wohlklingend, zu wenig anhaltend. Es müsste ein unangenehmer Ton sein, der lange nachklingt und wie bei einer Klangschale über das Gehör in die Tiefen des Körpers eindringt.

Han Kang selbst kam mir zu Hilfe. Am Anfang des Buches schrieb sie über ihr Vorhaben, ihre Geschichte anhand von weißen Gegenständen zu erzählen: „Sie würden in mir gedreht und gewendet werden und schließlich in Form von Sätzen herausvibrieren wie fremde, klagende oder schrille Töne, die der Geigenbogen einer Metallsaite entlockt.“

Weiß ist hauptsächlich aus Textminiaturen aufgebaut. In den ersten drei dieser Miniaturen mit den Titeln Wickeltuch, Babyhemdchen und Reiskuchen erzählt die Autorin in eindringlichen Szenen von ihrer erstgeborenen Schwester, die zu früh auf die Welt kommt und nach wenigen Stunden in den Armen ihrer Mutter stirbt. Es sind Szenen von enormer Intensität und unendlicher Einsamkeit. Mit diesem tragischen Einschnitt im Leben ihrer Eltern – vor allem dem ihrer Mutter – streicht Han Kang über die Metallsaite und der durchdringende, anhaltende Ton bohrt sich beim Lesen schmerzhaft in die Seele. Die nachfolgenden Kurztexte schweben auf diesem Klang – oder besser: der Ton gewordene Schmerz schwingt nahezu in allen Schattierungen von Weiß mit, über die Han Kang schreibt.

Die Erzählerin begibt sich eines Tages in eine fremde Stadt, um dort für einige Monate zu leben. Warschau, wie mir scheint. Eine Stadt, in der sich im Zweiten Weltkrieg eine unermessliche Tragödie ereignet hat. Ihre eigene, lebensbestimmende Trauer verbindet sich mit jener dieser Stadt und ihren Weißtönen. Dazwischen immer wieder kurze Texte über das Weiß vergangener Erlebnisse und Eindrücke: Mond. Salz. Weißer Hund.

Jedes Weiß, dessen Erscheinungsform in einer kleinen – manchmal kleinsten – Geschichte erzählt wird, ist eine Hommage an das Leben selbst. Ein Beispiel dafür ist das Kapitel Atemwölkchen: „An einem kalten Morgen, als sich vor ihrem Mund ein weißes Atemwölkchen bildet, ist das der Beweis, dass sie lebt, dass wir leben. Der Beweis dafür, dass unsere Körper warm sind. Kalte Luft dringt in unsere lichtleeren Lungen, wird von der Temperatur unserer Körper erwärmt und strömt als weißes Wölkchen wieder hinaus. Das Wunder des Lebens, sichtbar in Form von in der Luft hängenden, weißgrauen Gebilden.“

Manche der kurzen Weiß-Geschichten fügen dem schmerzhaften Grundton, den der Anfang des Buches anschlägt, auch helle Klänge hinzu. Ein weißer Stein, der Stille zu einem Objekt verdichtet. Der Duft von Reis. Die Seele als fallendes Taschentuch. Dazwischen wenige doppelseitige Fotos in schwarz-weiß, die den weißen Schatten auf dem Leben der Erzählerin sehr subtil inszenieren.

Die Geschichte der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang wirft für mich die Frage auf, wie wir mit Wunden umgehen, die nicht unsere eigenen sind, sondern die der Eltern oder Großeltern. Denn ob wir es wollen oder nicht: Tiefe Verletzungen und Traumata finden ihren Weg durch die Generationen zu uns und beeinflussen unser Handeln und unsere Beziehungen mehr, als wir glauben. Sie sind wie Dämonen, die uns von Zeit zu Zeit heimsuchen und uns auffordern, ihnen in die Augen zu sehen. Ob es der Erzählerin in diesem Buch gelingt, das eigene Leben zu leben und nicht jenes ihrer verstorbenen Schwester, bleibt offen. Weiß ist fragmentarisch, durchscheinend und nicht eindeutig. Die Zwischenräume und das nicht Ausgesprochene bieten Raum für unsere eigene Verletzlichkeit, der wir in diesem Buch unweigerlich begegnen. Eine Begegnung, die sehr heilend sein kann, wenn wir uns darauf einlassen.

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4 Kommentare

  1. Über die Frage, wie Familien-Traumata sich über Generationen vererben und auf unser eigenes Leben heute wirken, habe ich unlängst ein langes Gespräch geführt beim Besuch einer Ausstellung im Loibltal in Kärnten. So ein spannendes Thema! Erst wenn wir sie aus dem kollektiven Familien-Unterbewussten holen, können wir sie zum Thema machen, darüber reden, sie verarbeiten und abschließen. (Zu dem Thema gibt es sogar eine ganze Forschungsrichtung.)
    Die Autorin hat ja das traumatische Erlebnis sehr präsent, vielleicht klnnte sie es auch mit diesem Buch bis zu einem gewissen Grad verarbeiten. Ich mag Deine Wortbilder, Dein Erspüren der Stimmung des Buches, so gern. Und die Fragen, die Du danach stellst. Liebe Grüße, Gabi

    1. Liebe Gabi,
      das mit der Ausstellung klingt sehr interessant, wir sollten bei nächster Gelegenheit darüber sprechen!
      Ich finde, das Buch ist wirklich ein sehr markanter und aufrüttelnder Beitrag zu dieser Thematik. Und ich denke auch, dass die Autorin mit diesen Texten ihrer Trauer Ausdruck verliehen hat. The Guardian hat in seiner Rezension davon gesprochen, dass der Text es vermag, “Schmerz durch Sprache zu überwinden”. Und das Überwinden der Sprachlosigkeit ist sicher bei allen seelischen Verletzungen die wichtigste Hürde, um ihnen die Macht über das eigene Leben zu nehmen.

      Danke & Liebe Grüße,
      Angela

  2. Ja liebe Angela

    Deine sehr schön gezeichneten und gut formulierten Gedanken machen neugierig, sie selbst zulesen. Gratulation zu einer schönen Gestaltung des Blogs und ich freue mich auf Weiteres..!

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